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„Ich habe in meinem Leben noch nie etwas Abscheulicheres gesehen“ – erzählt ein Journalist. 16. März 2012, Riga. In Lettland ist das der offizielle Gedenktag der lettischen SS-Legionäre.

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9.00 Uhr. Niederlegung eines Gedenkkranzes für die Opfer des Nationalsozialismus am Freiheitsdenkmal.

Eigentlich ist das ein Tag, der von lettischen Nationalisten gefeiert wird. Doch diesmal haben Nazigegner aus Riga beschlossen, zur Ermahnung einen Kranz am Freiheitsdenkmal niederzulegen. Sie haben die Aktion angemeldet und eine Genehmigung zur Durchführung bekommen. Dem Aufzug haben sich auch viele ausländische Gäste angeschlossen:

Direktor des Simon Wiesenthal Centers Efraim Zuroff (Israel), Mitglied des Europäischen und Gründer des Österreichischen Sozialforums Hermann Dworczak (Österreich), Philosophieprofessor aus der Universität Sussex, Monica Lowenberg (Großbritannien), Professor der Universität Vilnius Dovid Katz (USA), Ko-Präsident des Europäisch-Jüdischen Parlaments Joel Rubinfeld (Belgien), Vorsitzender des Vereins "Lettland ohne Nazismus" Iosif Koren, Mitglied des Europäischen Parlaments Helmut Scholz (Deutschland), Mitglied des Europäischen Parlaments Tatjana Schdanok (Lettland).

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09:05 Kranzniederlegung am Freiheitsdenkmal. Joseph Koren und Tatjana Schdanok.

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09:06 Die Inschrift auf der Gedenkschleife: "Zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus".

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09:30 Blick von oben auf den Platz: Polizei und Jugendliche mit noch nicht entfalteten Fahnen.

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10:30 Genehmigte antifaschistische Kundgebung hinter der Polizeibarriere. Alles verläuft gewaltlos und doch unter Aufsicht der Polizei.

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11:00 Der Gedenkkranz mit der Inschrift wurde von lettischen Nationalisten durch ein vergrößertes Truppenzeichen der lettischen Waffen-SS verdeckt.

„Das ist ganz offensichtlich ein schnell zusammengehämmertes Stück Sperrholz“- sagt der Journalist. „Die Nägel sind nur halb eingeschlagen“. Den den Nazi-Opfern gewidmeten Kranz hat man als Stütze für das Legionswappen benutzt und die Gedenkschleife ist verschwunden.

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11:10 Tatjana Schdanok und Iosif Koren kommen an der Absperrung vorbei. Sie stellen das Abzeichen zur Seite und versuchen die Gedenkschleife mit der Inschrift "Zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus" zu finden.

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11:15 Man findet sie zerknittert, in den Zweigen des Kranzes tief versteckt, und holt sie heraus.

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11:16 Tatjana und Iosif versuchen, die Gedenkschleife auf den Kranz wieder anzubringen.

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11:17 In dem Moment taucht ein stark gebauter Bursche auf, dessen Äußeres einen Schläger aus dem lettischen nationalistischen Lager verrät.

Was weiter geschehen ist, zeigt das vom antifaschistischen Redner Dmitri Kantemirov aufgenommene Video.

Der Schläger: «Räumen Sie es weg! Wir haben eine Erlaubnis!» (meint das Holzwappen). Seine Opponenten sagen, es würde sich lohnen zu überprüfen, ob er für das Aufstellen dieses Holzabzeichens tatsächlich eine Erlaubnis hat und wenn ja, dann von wem.

Auf einmal erscheint noch ein Schläger und versucht, Iosif Koren die Gedenkschleife aus den Händen zu reißen. Das gelingt ihm nicht. Der Kranz wird wieder mit dem Holzemblem der lettischen SS-Legion verdeckt. Der Kampf um die Schleife dauert an. Aus der Gruppe der ausländischen Journalisten ruft jemand auf Englisch: „Wir sind hier nicht in 1943! Ihre Zeiten sind vorbei! Was erlauben Sie sich?“ „Ich komme aus Österreich, im heutigen Europa ist kein Platz mehr für die Nazis!“

Ein Polizist kommt und spricht Lettisch mit starkem russischen Akzent: "Frau Schdanok, ich bitte Sie, diesen Ort zu verlassen!" Die Nationalisten-Schläger ignoriert er einfach. Dann drängt er die Nazigegner und Journalisten weg. Währenddessen verdecken die Nationalisten den Gedenkkranz wieder mit dem Holzwappen. Als der Polizist weggeht, wird die Gedenkschleife kurzerhand vom Kranz entfernt und auf den Boden geworfen.

Dann passiert etwas, was man auf dem Video nicht sieht. Der erste Schläger neigt seinen Kopf zu einem kleinen Mikrofon, das sich hinter dem Revers seiner Weste versteckt, und sagt: „Schickt uns schnell zwei Mädchen her! Man muss hier alles wieder in Ordnung bringen“.

„Ich musste dabei an die Filme über CIA-Agenten denken“ – sagt der Journalist, der schwört, den Vorgang gehört und gesehen zu haben. Sofort kommen zwei junge Frauen und verdecken den Kranz. Die Gedenkschleife verstecken sie darunter.

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11:25 „Mädchen auf Abruf“ schaffen „arische“ Ordnung.

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11:30 Anschließend erscheint eine Kolonne, die aus SS-Legionären und ihren Sympathisanten besteht.

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11:35 In der ersten Reihe: Abgeordnete der lettischen Saeima, die der Regierungskoalition angehören.

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11:38 Ein alter SS-Veteran: Der Stolz des Landes. Klassisch.

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11:55 Die Helden des modernen Lettlands.

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12:10 Ein intelligent aussehender Polizist mit einem russischen Namen auf dem Namensschild filmt unversteckt die antifaschistische Protestaktion hinter der Metallabsperrung.

„Er scheint es widerwillig zu machen“ – sagt der Journalist. „Ich will es wenigstens hoffen“. Und dann gibt er eine Erklärung zum Video ab:

„Ich muss ehrlich sagen, dass ich innerhalb von 21 Jahren der journalistischen Arbeit die Fähigkeit entwickelt habe, eine professionelle Distanz zu den von mir als Fachmann beobachteten Ereignissen zu halten. D.h. meine Arbeit besteht darin, zu schreiben und zu zeigen, damit es alle sehen können. Aber wenn ich diesmal gewusst hätte, dass noch jemand von meinen Kollegen die Veranstaltung aufnimmt, hätte ich meine Kamera weggelegt und diesem Nazi-Schläger die Fresse poliert! Meine Hände zittern immer noch vor Wut. Ein großes Viech, der Rückendeckung von 15-20 seinesgleichen bewusst (ein Gruppe stand in einer Entfernung), reißt  einer kleinen Frau und einem betagten Mann die Gedenkschleife aus den Händen…

Entschuldigen Sie bitte die emotionale Reaktion, aber das ist einfach voll zum Kotzen! Wir hatten auch genug starke Leute dabei. Sie standen aber hinter der doppelten Absperrung, weit entfernt von hier, und konnten das Ganze unmöglich mitbekommen“.

Für das Verhalten des Polizisten mit starkem russischen Akzent, dessen Namen er auf dem Namensschild gesehen habe aber nicht nennen möchte, habe der Journalist Verständnis: „Er hat letztendlich seine Familie zu ernähren und ein anderer Job ist wohl nicht ganz leicht zu finden. Man hat aber immer eine Wahl und schlimmstenfalls hätten wir ihm und seiner Familie zumindest während der Arbeitssuche geholfen. Musste das wirklich sein?“

Bilder: Yuri Alexeyev (IMHOclub)

(Autorisierte Übertragung aus dem Russischen)

http://www.imhoclub.lv/material/latishskie-nacisti-oskvernili-venok/page/2

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